Bericht aus der Ausbildungsvorbereitung
Masouds Praktikum

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Masouds Praktikum

Bericht aus der Ausbildungsvorbereitung

von Administrator

Von Benjamin Hölzer

„Wenn man fleißig ist, kann man hier alles schaffen“
Mentoring bei Masoud vom HSP-Pflegedienst

Es ist ein sommerlicher Dienstagmorgen in der City Nord in Hamburg. Wärmende Sonnenstrahlen durchbrechen den leicht bewölkten Himmel, als sich die Klasse AM422 ungewohnt pünktlich auf den Weg macht. Ziel: der Pflegedienst HSP in Hamburg-Poppenbüttel. Der 8. Juli 2025 ist ein ganz besonderer Tag, denn die Schülerinnen und Schüler dürfen heute im Mentoring-Programm der BS28 jemanden treffen, der genau da stand, wo viele von ihnen heute stehen: Masoud, Inhaber des HSP-Pflegedienstes.

Masouds Geschichte ist beeindruckend – und sie beginnt nicht in einem schicken Büro mit Glasfront, sondern im Jahr 2015, als er selbst als geflüchteter Jugendlicher aus Afghanistan nach Deutschland kam. Drei Jahre lang besuchte er eine AVM-Dual-Klasse, schaffte den MSA und probierte sich in vielen Praktika aus. „Ohne das wichtige Praktikum hätte ich nie an den Beruf des Pflegers gedacht“, erzählt er den Schülerinnen und Schülern offen. Besonders lobt er, dass er sich in dieser Zeit in so vielen Berufen ausprobieren konnte: im Einzelhandel, im Büro, im Restaurant – und schließlich in der Pflege. Für zwei Praktika bekam er sogar Ausbildungsangebote. Doch erst im letzten Praktikum, in der Pflege, wusste er: Das ist es.

„Ich mag die Abwechslung in der Pflege. Man sitzt nicht immer im Büro. "Jeder Tag ist anders“, berichtet Masoud. Besonders schätzt er die Arbeit mit alten Menschen. „Sie sind so dankbar. Und sie erzählen so viel“, sagt er. Viele seiner Patientinnen und Patienten haben den Zweiten Weltkrieg erlebt und freuen sich, ihre Erinnerungen mit ihm teilen zu können. Durch diese persönlichen Begegnungen merkte Masoud schnell, wie sehr ihm die enge Arbeit mit Menschen Freude und Zufriedenheit bereitete.

Nach dem MSA überlegte Masoud, das Abitur zu machen und zu studieren, entschied sich dann aber für eine Ausbildung zur examinierten Pflegefachkraft . „Die Berufsschule war im ersten halben Jahr sehr schwer“, erzählt er ehrlich, „aber ich habe gut gelernt – und nach drei Jahren hatte ich meinen Abschluss.“ Da das Jobcenter ihm während der Ausbildung kein Geld mehr zahlte, arbeitete er nebenbei in einer Pizzeria. Trotzdem betont er heute: „Es sind nur drei Jahre. Die Zeit geht schnell vorbei – und danach bekommt man ein gutes Gehalt.“

Die Klasse AM422 hört aufmerksam zu. Zwischen 17 und 19 Jahre alt sind die jungen Frauen und Männer, die selbst eine Migrationsgeschichte haben. Sie kommen aus Syrien, Afghanistan, Benin oder Ägypten und sind seit ca. 18 Monaten in Deutschland. Heute sitzen sie Masoud gegenüber – einem Menschen, der ihnen auf Augenhöhe begegnet und ihnen mit seinem Lebensweg zeigt, dass alles möglich ist.

Die Jugendlichen haben sich im Unterricht gut vorbereitet und löchern Masoud mit Fragen aus einem selbst erstellten Fragebogen. Wie lange dauert die Ausbildung? Ist sie schwer? Wieviel verdient man? Ist das Masouds Traumberuf? Und auch persönliche Fragen trauen sie sich zu stellen: Lebt er mit seiner Familie in Deutschland? Hat er Zeit für Hobbys? Masoud nimmt sich Zeit, erzählt ehrlich, offen, humorvoll – und genau das macht ihn so nahbar.

Masouds Antwort auf viele Fragen lautet: „Probiert euch aus.“ Er rät den Jugendlichen, viele Praktika zu machen – so lange, bis sie den Beruf finden, der ihnen wirklich Spaß macht. Gleichzeitig betont er, wie wichtig es ist, regelmäßig zur Schule zu gehen und vor allem gut Deutsch zu lernen. „Ohne Deutsch ist eine gute Ausbildung sehr schwer.“ Ihm selbst half dabei seine Arbeit mit älteren Menschen: „Alte Menschen sprechen laut und langsam – und sie wollen erzählen“, sagt er lachend. So lernte er die Sprache schnell und praxisnah.

Nach seiner Ausbildung arbeitete Masoud nur kurz als Angestellter, bevor er sich selbstständig machte. Heute – nur zehn Jahre nach seiner Ankunft in Deutschland – leitet er ein Unternehmen mit drei Standorten in Hamburg: Poppenbüttel, Rahlstedt und Horn. 93 Pflegekräfte kümmern sich dort um 423 Klientinnen und Klienten. Was für eine Zahl. Was für ein beeindruckender Weg.

„Wenn man fleißig ist und am Ball bleibt, kann man hier alles schaffen“, sagt Masoud – und dieser Satz bleibt hängen. Es ist kein abgedroschener Motivationsspruch, sondern die Essenz einer gelebten Realität. Eine Realität, die den Jugendlichen Mut macht, weil sie greifbar ist.

Der Besuch bei Masoud dauert knapp zwei Stunden. Zwei Stunden voller Fragen, ehrlicher Antworten und dem Gefühl, gesehen zu werden. Der Funke ist übergesprungen. Neugier, Aufregung, Respekt – all das lag in der Luft. Und vielleicht war dieser Dienstagmorgen für den einen oder die andere aus der AM422 der Beginn einer ganz neuen Perspektive.

Das Mentoring-Programm will genau das: echte Begegnungen ermöglichen, Berufe erlebbar machen, Menschen ins Gespräch bringen und Lebensrealitäten greifbar machen. Masoud war dafür die perfekte Wahl – nicht, weil er erfolgreich ist, sondern weil er versteht, was es heißt, ganz neu anzufangen.

 

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